Notiz – Mandantengespräch Sebastian Bräutigam
Datum: 20.05.2026, ca. 10:30 Uhr (Telefonat)
Dauer: ca. 35 Minuten
Mitschrift durch: [Kanzlei]

=== ROHMITSCHRIFT (teilweise verbatim) ===

Also ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Das war einfach ein Albtraum. Wir
sind seit Jahren nicht mehr in Urlaub gewesen, wegen Corona und allem, und jetzt
das. Meine Frau und ich hatten uns das so genau geplant, zwei Wochen Thailand,
die Kinder haben sich so gefreut. Und dann auf dem Rückweg sowas.

Also: Am 11. April, abends, wir sind schon am Gate, Noor schläft fast im
Kinderwagen (die ist ja erst fünf), da kommt plötzlich eine Durchsage – auf
Thai und dann auf Englisch – dass der Flug PSA 4472 wegen "technical reasons"
nicht stattfinden kann. Kein Deutsch, wohlgemerkt! Meine Frau versteht kein
Englisch gut genug und hat erst gefragt, was das heißt.

Dann haben wir uns zum Schalter geschleppt, Schalter 87 war das, die ganze
Familie mit Gepäck. Und was sagt der Mitarbeiter? "Technical problems, no
vouchers, come back tomorrow, we don't know which flight." Das wars. Punkt.
Kein Hotel, keine Gutscheine, nix. Ich hab das aufgeschrieben (das Foto mit dem
Zettel ist dabei, IMG_2451 oder so).

Meine Frau war kurz davor zu weinen. Noor fing dann auch an zu weinen, die hat
nicht verstanden warum wir nicht nach Hause fahren. Das hat eine halbe Stunde
gedauert bis ich überhaupt gecheckt hatte was los ist. Mika fragt die ganze
Zeit "Wann fliegen wir Papa? Wann fliegen wir?" – ich konnt ihm nichts sagen.

Wir mussten dann selbst ein Hotel suchen um ein Uhr nachts. Mövenpick, das war
das einzige was noch verfügbar war in der Nähe. Nicht billig, da kann ich Ihnen
sagen. Hab alles mit der Kreditkarte bezahlt, Visa. Belege sind alle dabei.

Das Hotel war ok, aber wir haben zwei Zimmer gebraucht wegen der Kinder, die
Kinder haben bei Linnea geschlafen (die ist ja 12, die hat das einigermaßen
verkraftet), und Yasmin und ich in dem anderen. Noor hat die Nacht über kaum
geschlafen, weint immer wieder auf, das war wirklich zermürbend.

Und dann: PSA sagt uns am nächsten Tag, der früheste Flug ist der PSA 4476 am
14. April um vier Uhr früh!! Das sind über zwei Tage später! Wir waren bis zum
14. früh in Bangkok. Angekommen in Frankfurt ungefähr halb zwölf mittags am 14.
Ursprünglich sollten wir am 12. früh um kurz nach halb sieben ankommen. Das ist
also 53 Stunden Verspätung oder so.

Das Schlimmste ist: Yasmin hatte am 14. Frühdienst in der Kinderklinik Hamburg.
Sie ist Kinderärztin (das wissen Sie ja). Der Dienst hat um 6:00 Uhr früh
angefangen. Die musste absagen, das war ihr erster Dienst nach dem Urlaub.
Ob wir da auch Ansprüche haben? Verdienstausfall? Das hat sie mich gefragt.
Ich weiß es nicht. Vielleicht klären Sie das?

Jetzt zum Rechtlichen: Ich hab mich ein bisschen informiert, ich bin zwar
Architekt aber ich lese viel. Diese VO 261 aus 2004, da steht doch drin 600
Euro pro Person wenn der Flug annulliert wird und man mehr als vier Stunden
Verspätung hat bei Langstrecke, oder? 5 Personen mal 600 Euro wären 3.000 Euro.
Plus wir haben selbst bezahlt: Hotel ungefähr 387 Euro, Essen ich schätze 110
Euro, Taxi zweimal zum Flughafen 48 Euro. Macht zusammen ungefähr 3.500 Euro.

Pacific Sky hat mir zweimal geantwortet. Einmal haben die gesagt "außergewöhnliche
Umstände wegen technischer Prüfung am Triebwerk" – ich hab danach gegoogelt und
da steht bei Wikipedia sogar irgendwas von EuGH Wallentin-Hermann, dass technische
Probleme eben KEINE außergewöhnlichen Umstände sind. Stimmt das so? Ich hoffe
ich hab das richtig verstanden.

Und dann die zweite Mail: Vollmacht. Die wollten für jeden einzelnen Passagier
eine Originalvollmacht, für die Kinder mit Unterschriften von mir UND meiner Frau,
notariell beglaubigt noch dazu! Das ist doch Schikane oder? Ich hab schon mal
eine Vollmacht aufgesetzt (die liegt auch dabei, hab das selbst gemacht) aber die
war anscheinend nicht gut. Yasmin hatte keine Zeit zum Unterschreiben gehabt und
ich hab vergessen die Kinder reinzuschreiben. Da liegt also noch was zu tun.

Ich hab auch eine Rechtsschutzversicherung, HUK-Coburg, schon seit Jahren.
Ich glaube die deckt sowas ab? Sie haben ja wahrscheinlich mehr Erfahrung damit
als ich. Können Sie das prüfen? Ich frag bei HUK nach ob die das übernehmen.
Deckungszusage beantragen oder wie das heißt.

Verjährung: Das macht mir Sorgen. Im Internet steht überall unterschiedliches.
Einer sagt 3 Jahre, einer sagt es verjährt schon nach 2 Jahren, und ein
Anwaltsblog schreibt was von "Ende des Jahres". Können Sie mir sagen wann das
verjährt? Ich will das jetzt schnell angehen bevor was passiert.

Ach ja, ich hab auch noch einen WhatsApp-Screenshot wo meine Frau mit ihrer
Schwester Leila geschrieben hat in der Nacht, das zeigt wie chaotisch das war.
Und ein Foto von einem Zettel den ich am Schalter geschrieben hab (Handy-Foto).
Kann ich das alles zuschicken? Ich scan dann noch die Papierquittungen ein.

Noch was: Die Kinder. Linnea hat das ganz gut weggesteckt, die ist ja schon 12
und hat ein Buch dabei gehabt. Mika war das alles viel zu aufregend, der hat
nachher noch eine Woche von "dem Flugzeug das kaputt war" geredet. Und Noor –
das arme Kind hat in der zweiten Nacht Fieber bekommen, wir dachten erst es
ist von der Aufregung, mussten dann Ibuprofen kaufen im Supermarkt. Das ist
dann auch mit im Beleg drauf.

Ich hätte noch eine Frage zu den Zinsen – die Anwaltsseiten schreiben immer was
von Zinsen ab Mahnung. Ist das relevant? Wie viel wären das?

Und: Soll ich jetzt noch mal selbst an PSA schreiben? Oder lieber nicht mehr,
jetzt wo Sie das übernehmen?

Ich stehe voll hinter der Sache. Die sollen zahlen.

=== ENDE MANDANTENNOTIZ ===

Rechtsanwaltliche Einschätzung (vorläufig, nach Aktenlage):
- Ausgleichsanspruch gem. Art. 7 Abs. 1 lit. c VO (EG) 261/2004 = 600 EUR/Pax -> 3.000 EUR
  substanziiert gegründet; PSA-Einwand "außergewöhnliche Umstände" nicht tragfähig
  für reguläre Triebwerksprüfung: EuGH 22.12.2008 – C-549/07 Wallentin-Hermann
  (technische Defekte grundsätzlich kein außergewöhnlicher Umstand), bestätigt
  durch EuGH 17.09.2015 – C-257/14 van der Lans
- Betreuungsleistungen Art. 9 VO 261/2004 nicht erbracht -> erstattungsfähige Auslagen
- Verdienstausfall Yasmin: Prüfung Schadenersatz gem. § 280 BGB / Art. 12 VO 261/2004
  -> Dienstplan + Verdienstnachweis Kinderklinik anfordern
- Vollmacht: Neu aufsetzen, alle 5 Passagiere, beide Elternteile für Minderjährige
- Rechtsschutz HUK-Coburg: Deckungsanfrage durch Kanzlei
- Verjährung: § 195 BGB (3 Jahre), Beginn Schluss des Jahres der Entstehung (31.12.2026),
  Ablauf 31.12.2029 -> kein unmittelbarer Handlungsdruck, aber Schlichtung (söp) zeitnah
- Zinsen: 5 Pp. über Basiszinssatz gem. § 288 Abs. 1 BGB ab Verzugseintritt (30.04.2026)

=== HINWEIS: Alle Personen und Daten in dieser Akte sind fiktiv. Testakte. ===
