mirror of
https://github.com/Klotzkette/claude-fuer-deutsches-recht
synced 2026-06-09 10:03:19 +00:00
5.0 KiB
5.0 KiB
Juristische Methodenlehre – Deutschland
Pflichtreferenz für alle Skills in diesem Repository. Jede juristische Bewertung folgt der deutschen Methodenlehre.
1. Gutachtenstil vs. Urteilsstil
- Gutachtenstil ("Es könnte … Dazu müsste …"): in Memos, internen Vermerken, Mandantenkommunikation mit Begründungsanspruch.
- Urteilsstil ("Der Anspruch ist begründet, weil …"): in Schriftsätzen, Beschlüssen, Mandantenkurzantworten, wenn Ergebnis vorab steht.
- Skills geben standardmäßig im Gutachtenstil aus, sofern nicht ausdrücklich Urteilsstil verlangt.
2. Anspruchsgrundlagen-/Klausurprüfungsschemata
Wichtige Reihenfolgen, in der Anspruchsgrundlagen geprüft werden:
- Vertragliche Ansprüche
- Vertragsähnliche Ansprüche (c.i.c., §§ 311 II, 280 I BGB; pVV historisch; Vertrag mit Schutzwirkung)
- Quasivertragliche Ansprüche (GoA, §§ 677 ff. BGB)
- Dingliche Ansprüche (§§ 985, 1004 BGB)
- Deliktische Ansprüche (§§ 823 ff., 826, 831 BGB; ProdHaftG; StVG; UmweltHG)
- Bereicherungsansprüche (§§ 812 ff. BGB)
3. Auslegung
Vier klassische Auslegungsmethoden nach Savigny / Larenz:
- Grammatikalisch – Wortlaut, Wortsinn nach Sprachgebrauch.
- Systematisch – Stellung im Gesetz, Verhältnis zu Nachbarnormen.
- Historisch – Entstehungsgeschichte, Materialien (BT-Drucks.).
- Teleologisch – Sinn und Zweck (ratio legis).
Ergänzend: Verfassungs- und unionsrechtskonforme Auslegung.
4. Lückenfüllung
- Analoge Anwendung: planwidrige Regelungslücke + vergleichbare Interessenlage.
- Teleologische Reduktion: Norm wird gegen ihren Wortlaut eingeschränkt, wenn ratio legis sie nicht erfasst.
- Erst-Recht-Schluss (a maiore ad minus / a minore ad maius).
- Umkehrschluss (e contrario).
5. Stellenwert der Quellen (vgl. references/zitierweise.md Ziff. 10)
- Gesetz ist Ausgangspunkt jeder Argumentation.
- Rechtsprechung ist nicht bindend (außer § 31 BVerfGG), aber gewichtig.
- Kommentare und Aufsätze sind in Deutschland argumentativ zentral – insbesondere wenn keine einschlägige Rechtsprechung vorliegt.
- Herrschende Meinung ist kein Selbstbeleg – sie muss mit konkreten Belegen unterlegt werden.
6. Standardstruktur eines deutschen Memos
- Sachverhalt (knapp, fett markierte Schlüsselfakten)
- Frage(n)
- Ergebnis in einem Satz (Kurzantwort)
- Rechtliche Bewertung
- Anspruchsgrundlage / Prüfungsmaßstab
- Tatbestandsmerkmale, jeweils mit Subsumtion
- Streitstand bei umstrittenen Fragen
- Ergebnis je Tatbestandsmerkmal
- Gesamtergebnis
- Risiken / offene Punkte
- Quellenverzeichnis (gem. references/zitierweise.md)
7. Beweislast – Grundregeln
- Wer sich auf eine ihm günstige Norm beruft, trägt die Beweislast für deren tatbestandliche Voraussetzungen ("Rosenbergsche Formel").
- Beweislastumkehr im Produkthaftungs- (§ 1 Abs. 4 ProdHaftG), Anscheinsbeweis im Verkehrsunfallrecht, § 280 Abs. 1 Satz 2 BGB (Vertretenmüssen vermutet) etc.
8. Verjährung
- Regelverjährung 3 Jahre (§ 195 BGB), Beginn § 199 BGB (Jahresende + Kenntnis/grob fahrlässige Unkenntnis).
- 10-Jahres-Höchstfrist (§ 199 Abs. 3 BGB).
- Sondernormen: § 196 BGB (Grundstücke 10 J.), § 197 BGB (30 J. für titulierte Ansprüche), § 438 BGB (Kaufgewährleistung), § 634a BGB (Werkmängel), § 11 ProdHaftG (10 J.), § 12 UWG (6 Monate), § 78 StGB (strafrechtliche Verfolgungsverjährung).
- Verjährungshemmung §§ 203 ff. BGB beachten (Verhandlungen, Rechtsverfolgung).
9. Fristen im Zivilprozess
- Klageerwiderungsfrist § 276 ZPO (i. d. R. 2 Wochen Notfrist + 2 Wochen weitere Frist).
- Berufungsfrist § 517 ZPO: 1 Monat ab Zustellung.
- Berufungsbegründungsfrist § 520 Abs. 2 ZPO: 2 Monate.
- Revisionsfrist § 548 ZPO: 1 Monat / Begründung 2 Monate.
- Beschwerdefrist § 569 ZPO: 2 Wochen.
- Einspruch gegen Versäumnisurteil § 339 ZPO: 2 Wochen.
- Klagefristen KSchG: 3 Wochen ab Zugang Kündigung (§ 4 KSchG).
- Anfechtungsfristen StPO: Berufung/Revision 1 Woche (§ 314, § 341 StPO).
10. Discovery vs. Beweismittel
- Eine US-pre-trial-Discovery gibt es nicht.
- Anwaltliche Aufklärung des Sachverhalts erfolgt durch Mandanteninterview, Aktenstudium, Zeugenkontakt (cave: § 51 BRAO, Berufsrecht), Auskunftsansprüche (§ 242 BGB, § 666 BGB, § 810 BGB, Art. 15 DSGVO), Urkundenvorlage §§ 142, 144 ZPO.
- Auskunfts- und Rechnungslegungsansprüche sind regelmäßig vorgelagert (Stufenklage § 254 ZPO).
11. Anwaltliche Pflichten
- § 43a BRAO (Grundpflichten), § 43d BRAO (Inkasso), § 49b BRAO (Vergütung), RVG, § 17 BORA.
- Verschwiegenheit § 43a Abs. 2 BRAO, § 203 StGB.
- Interessenkonflikt § 43a Abs. 4 BRAO, § 3 BORA.
- Geldwäschegesetz (Identifizierungspflichten bei bestimmten Mandaten).
12. KI-spezifische Hinweise
- Halluzinationsrisiko – jede Quelle nachprüfen.
- Pflichtprüfung: Zitierweise (references/zitierweise.md) + Aktualität (h. M. heute?).
- Datenschutz: Mandantendaten nur in zulässigen Tools; vgl. Skill
datenschutzrecht/skills/mandantendaten-ki.